Leona

Auf den ersten Blick fiel Leona aus dem Raster des ranzigen Punk-Schuppens, in dem sich Perp gerade genüsslich die Kugel geben wollte. Mit ihren anmutigen, in sich ruhenden Tanzbewegungen, die dem Geschubse des allgegenwärtigen biersprühenden Moshpits stets auswichen, ohne davon auch nur im Geringsten beeinflusst zu wirken, und ihren tiefgrünen Augen hatte sie Perp schnell für sich gewonnen, ihre Abendplanung änderte sich schnell.
In der kurzen Zeit, in der die beiden zusammen waren, wirkte Leona stets für Action und Nervenkitzel zu haben, “ein bisschen von der ungeduldig-explosiven Sorte; könnte auf die Dauer wohl anstrengend werden”, ging Perp noch am gleichen Abend mit ihr durch den Kopf – ein Gedanke, der sich wenige Stunden später auf der Toilette des piekfeinen Skyline Cafés mit ihr verflüchtigte. Von ihrem Auftreten her ordnete sie Perp zunächst als klassisches Mädchen-von-gutem-Hause-macht-auf-wild ein, mit gelegentlichen Emotionalitätsausbrüchen bezogen auf totale Kleinigkeiten, jedoch schien dahinter noch eine ganz andere Ebene aufzublitzen: Die Art, wie sie sich in jedem Laden, den die beiden betraten, gründlich umschaute und das Publikum automatisch in “Bullies” und “Erziehungswürdige” einteilte (letzteres ihr Ausdruck für unfreiwillige Mitspieler in kleineren Betrugsmaschen, erstere waren stets zu meiden – wobei Leona offenbar nicht nur die offenkundigen schlechtgelaunten Trolle als Bullies führte, sondern teils auch betrunkene Geschäftsmänner, in denen Perp auf den ersten Blick keine große Gefahr erblickt hätte); wie sie in öffentlichen Räumen stets eine strategisch vorteilhafte, überblickende Position einnahm; wie sie beiläufig und in größter Routine ihre Ausrüstung kontrollierte, darunter stets mehrere offenkundig selbstgebaute Brand-/Sprengfallen, während sie Witze über Belanglosigkeiten machte – für Perp äußerst reizvoll; das war kein kleines Mädchen auf Kollisionskurs mit dem eigenen Schicksal, sondern eine rational handelnde Person, die sich mühelos und völlig spielerisch in den Schatten bewegen konnte, weil das ihrem Natural so sehr entsprach wie sonst keiner Person, die Perp je kennengelernt hatte.

Wie zwischen den Zeilen zu lesen war, bekam sie wohl gelegentlich Geschäfte von einem Berliner Geschäftsmann aufgetragen, aber sie redete ungern über Arbeit: für ihren Lebensstil bräuchte sie eh fast keine Credits, und wenn was anstünde würde sich sicher der nächste Erziehungswürdige finden. Sie erwähnte mal was von nem Bruder, mit dem sie sich wohl aufgrund Differenzen über ihren eingeschlagenen Lebensweg verstritten hatte, aber blieb allgemein recht vage bezüglich Familie, frühere Beziehungen und sonstige Menschen, die ihr wichtig sind; dabei wirkte es nur auf den ersten Blick so, als wollte sie eine unangenehme Vergangenheit hinter sich lassen, wie es Perp von sich selbst nur zu gut kennt, sondern auch als würde sie Perp noch nicht weit genug vertrauen, um sie nah genug an sich ranzulassen. Perp stellte in dieser Richtung zunächst wenig Fragen. Leona war kein Arbeitskontakt für sie, niemand zum Aushorchen oder warmhalten für spätere Gefallen; erst nach einigen Tagen begann sie, über die eigentlichen Hintergründen dieser für sie faszinieren Person nachzudenken, wenn auch die zaghaften Fragen meist nur zu rätselhaften, vagen Antworten führten.

Ihr Verschwinden vor dem Club 188 nach der gelungenen Explosions-Ablenkung blieb für Perp somit völlig rätselhaft und löste eine noch tiefere, blockierende Grübel-Phase aus, von der sie sich durch ihre Teilnahme am Volkswagen-Run ablenken wollte, mit zweifelhaftem Erfolg.

Leona

Shadows are for Running rikhend chdem100